Tod und Trennung

Kurztexte, Blogeinträge, Artikel

02.06.2020

Das Urteil

Heute erzählte mir eine Mitbewohnerin, dass ein junger Spatz aus dem Nest gefallen sei und sie ihn nun in einen Korb gesetzt habe. Diesen habe sie nun unter dem Vordach des Hühnerhauses befestigt, damit die Katzen den Vogel nicht fressen.

Von meinem Balkon war der Korb gut zu sehen. Deshalb fragte sie mich, ob ich beobachten könne, ob die Mutter den Weg zum kleinen Vogel findet. Und ob ich ihr das dann erzählen könne. Gerne machte ich das.

Als sie am weglaufen war, sagte ich ihr, dass ich ihr tun schön fände. Ich bin selber bin nämlich gerade den Schmerz am Fühlen, den mir die Kühe auf dem konventionellen Bauernhof nebenan durch ihr ständiges Muhen erzählen. Über diesen Schmerz, das Leiden auf der Welt, darüber zerbreche ich mir seit einigen Tagen den Kopf - und manchmal auch das Herz.

Nachdem Mittagessen machte ich wieder an meine Masterarbeit. Das Telefon klingelte, mein Freund Raphael war dran. Ich freute mich sehr, als er mich fragte, ob wir nicht zusammen eine Schulung in Tibetischem Coaching machen wollten. Es ginge um das Tibetische Totenbuch und der Kurs würde dieses Wochenende starten.

Im selben Moment kam unsere heissgeliebte, sonst so schmüselige und schnurrende Katze auf mich zu – diesmal mit einem Vogel im Maul. Schnell schloss ich die Tür, damit sie nicht hineinkommen konnte. Mit einer tiefen, raubtierartigen Stimme miaute sie mich durch die Glastüre an, als ob sie mir sagen wollte: «Ich will zu dir. Hab keine Angst. Verurteile mich nicht.» Doch ich machte nicht auf. «Geh weg.» sagte ich. Und sie verschwand.

Ist es nicht unglaublich, wie wir die Welt verurteilen? Wie wir, durch unseren eigenen antrainierten Ekel und Hass, die Welt ständig erneut trennen? Sie aufteilen in Gut und Böse, Recht und Unrecht? Und wieder bin ich im Schmerz. Im Trennungsschmerz, obwohl ich nicht alleine bin.

08.05.2020

Masken, Trennung, und Verantwortung in der Coronazeit

Die Welt spricht über Masken. Masken sollen angezogen werden, Masken wollen nicht angezogen werden. Die Bilder verursachen Angst. Ein Mundschutz. Ein Sprechschutz? Wir wollen doch nicht etwa unsere Meinungsfreiheit einbüssen! Also gehen wir schnurstracks alle hin zur Demo! Oder? Nein! Die Maske der freien Meinungsäusserung tragen wir schon seit Geburt. Bereits Foucault hat gesagt, dass wir einander disziplinieren. Was folgt? Angst! Angst nicht dazuzugehören, wenn wir eine andere Meinung haben. Besonders davon geprägt sind Frauen, aber auch Minderheiten (Schwarze, LGBTQ+, Behinderte, Ausländer, Polyamoröse) die nicht der Normativität, den gesellschaftlichen Zwängen oder unausgesprochenen Regeln entsprechen.

Diese Masken tragen wir bereits seit unserem Geburtstrauma. Wir waren schon immer getrennt, nicht nur in Coronazeiten. Östliche und indigene Glaubensansätze berichten schon lange davon. Wir im Westen trugen schon immer einen Maulkorb, so wie unsere Eltern ihn trugen. Nur ein Unterschied: Unsere Generation hat die Freiheit, die Möglichkeit und den Luxus, in sich selber hinein zu blicken und aufzuräumen mit den transgenerationalen Traumas. Bewusst, und ohne den konsumeristischen, egoistischen Exzessen der 68er.

Wir müssen aufwachen und damit aufhören, die Verantwortung an ein Gesetz oder an Mama Bundesrat abzugeben. Wir müssen Verantwortung übernehmen und anfangen, in uns selbst zu blicken.


08.10.2014

Drei Zimmer, bunt gefüllt

Drei Zimmer, vier Betten, zwei Schränke, drei Teller, vier Löffel. Wer kann sich vorstellen, dass hier sechs Menschen wohnen? Stell dir vor, du betrittst den ersten Raum und sechs strahlende Gesichter blicken dir entgegen.

- Batul, die 10-jährige kleine Prinzessin, gibt dir gerne eine Umarmung und dicken einen Kuss auf die Backe. Später wird sie dir voller Stolz ihren Hund, der eigentlich den Nachbarn gehört, vorstellen. Batul steht dafür auf den Tisch und öffnet ein Dachfenster, das zum Garten des Nachbarhauses führt. Dann wird sie dir jegliche arabische Wörter beibringen, so viele, die du dir gar nicht merken kannst. „I love you“, sagt sie nach einem dreitägigen Aufenthalt zu dir. Du: „I love you too“. Sie: „I love you three!“ Und so gehts weiter.

- Kafar, der Zweitälteste der sechs Geschwister, ist schwer kennenzulernen. Er ist ruhig, erledigt gewissenhaft seine Aufgaben und ist der Schönling der Geschwister. Immer wieder färbt er seine Haare in einer andern Farbe. Dieses Mal blond.

- Fatma ist die scheue Schönheit, Rapunzel, nannte ich sie insgeheim. Sie sieht scheu weg, wenn du ihr Hallo sagen möchtest, streicht dabei fein über ihre Haare und lächelt verlegen. Sie kann nicht gehen und sitzt im Rollstuhl. Zuhause jedoch sitzt sie die meiste Zeit am Boden und bewegt sich kriechend vorwärts. Vermutlich haben sich ihre Finger, Fuss- und Halsmuskeln deshalb anders entwickelt als bei aufrechtgehenden Menschen. Dazu kommt, dass sie nicht oft nach draussen gehen kann. Sie ist, wie Prinzessin Rapunzel, die meiste Zeit im Inneren des Hauses, geht kaum hinaus und kümmert sich um ihre Haare.

- Gaith, steht beim Betreten des Hauses hinter dir, denn mit ihm bist du unterwegs. Er ist der Soziale und Weltoffene der Geschwister. Mit ihm kannst du lachen und über alles sprechen. Eines seiner Zitate ist: „Live what you have.

- Faith ist der Philosoph der Familie. Hemingway oder Nietzsche – er hat beide gelesen. Zu jedem Lied, jeder Aussage oder Frage kann er philosophieren und tut dies auch gerne. Fast jeden Tag geht er abends aus um nachzudenken. Er spricht nicht nur Arabisch, sondern auch ein bisschen Französisch, ein bisschen Deutsch, ein bisschen Georgisch und Russisch und natürlich Englisch. Und wenn du mit ihm sprichst, dann ist er ganz aufmerksam bei dir, als ob er dein ganzes Wesen erfassen würde. Du spürst das beim ersten Händeschütteln. Sein Traum wäre es, Sprachen zu studieren.

Das sind sie, die fünf Geschwister. Leider hat keines von ihnen einen Schulabschluss oder einen Beruf erlernt. Warum? 1997 flohen sie von Irak nach Syrien und 2013 von Syrien nach Georgien. Die Schule nachzuholen, wäre zu teuer. 1000 Dollar pro Jahr in Georgien.

Doch waren da nicht sechs Gesichter beim Betreten des ersten Raumes? Nadel, die gerade Fatmas Haare kämmt, ist das sechste Gesicht. „My home is your home“, sagt sie wenige Minuten nach meiner Ankunft. Die schöne, etwas mollige Frau in den Fünfzigern hat viel erlebt, das erzählt ihr Gesicht. Nachts schläft sie mit ihren zwei Töchtern im einen Zimmer am Boden, während die drei Brüder im dritten Zimmer auf den Betten schlafen. Die Betten haben übrigens keine Matratzen, sondern nur ein Gespinst aus Draht. Bei einem nächtlichen Gang durch die Stadt mit der gesamten Familie wird viel geredet und gelacht.

Die Wohnung ist trotz der materiellen Leere bunt gefüllt. Mit Wärme? Mit Leben? Du weisst nicht, was es ist, spürst es jedoch beim ersten Betreten der kleinen Wohnung. Wenn du Gaith frägst, wie die Familie nur so glücklich sein kann, antwortet er: „We enjoy the simple things, like being able to walk out and come home again. Not having to worry about your family members and to be able to live together.” Und du merkst, wie entfremdet du vom Lebenswichtigsten bist, wie viel du gar nicht mehr schätzen kannst. Hautnah fühlst du den Kontrast zwischen deinem eigenen Zimmer und der Dreizimmer-Wohnung in Tiflis.